Same same but different

Es gibt Traditionen, die nutzen sich ab. Es gibt aber auch welche, die lösen Glücksgefühle aus. Die werden begleitet von Vorfreude, Erwartung und liebgewonnenen Gewohnheiten. So wie unsere jährliche Chorfahrt nach Trebnitz. Denn das Schöne ist, es ist jedes Jahr ein bisschen so wie nach Hause kommen. Und dann ist es doch jedes Jahr anders: Es gibt Veränderungen im Schlosskomplex, das Ausbildungs-Cafe hat unerwartet geschlossen oder das Essen schmeckt plötzlich besser und selbstgemachte köstliche vegetarische Pasten erweitern das Buffet. Akkordeonklänge mischen sich mit dem Quaken der Frösche – und wo ist eigentlich der Kuckuck? Neue Chormitglieder sind erstmals dabei, andere fehlen schmerzlich.

Wegen einer Fliegenplage müssen die Türen und Fenster geschlossen bleiben. Also wandern wir mit dem Essen einmal ums Schloss, weil die Sonne scheint und der Blick auf den See so viel schöner ist, als drinnen zu sitzen. Erstmals entscheiden wir uns, diesen Blick das ganze Wochenende zu genießen und proben im Schatten der Bäume statt zwischen den Balken unter dem Dach. Manche Lieder klingen in dieser Umgebung gleich noch schöner: „Frühlingszeit“, „Leise zieht durch mein Gemüt“ oder auch „Here comes the sun“.

Unter Antjes Anleitung setzen wir fort, was wir in Berlin begonnen haben. Nicht nur das Proben der Lieder, sondern auch das Atmen, den Rhythmus finden, Spannung im Körper aufbauen und Töne halten. Wir breiten die Arme aus – oder nur einen, ziehen die Knie hoch, laufen wie Störche durch die Wiese und formen den Mund zum „O“. Wir lächeln mit den Augen. Wir grooven uns aufeinander ein. Wir üben in Stimmgruppen. Und nach und nach wird der Klang besser, die Texte sitzen, das Timing passt. Es ist noch nicht alles perfekt, aber es ist klar, wie es irgendwann mal sein wird, wenn wir das Lied aufführen.

Beim „Du hast den Farbfilm vergessen“ sind wir einen großen Schritt vorangekommen. Das Rüntüntün und Zackedoingdoing sitzen, Rums und „ich am FKK“ kommen jetzt ebenfalls pünktlich und der Sopran trällert die Melodie in den allerhöchsten Tönen sicher und freudig. Das wird schön – und lustig. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Unser Azzurro bezaubert drei junge Italienerinnen. Sie proben mit ihrem Akkordeon-Orchester ebenfalls in Trebnitz und sitzen in den Pausen am Fenster und schicken uns an einem langen Wollfaden diese liebevolle Botschaft. Hach – herzerwärmend. Am Ende singen wir wieder auf der Treppe zur Freude des Küchenpersonals.

Nach zwei Tagen fahren wir heim – natürlich nicht, ohne noch mal im Cafe unter dem Lindenbaum einen Kaffee zu trinken. Das gehört zur Tradition. Wir sind alle etwas erschöpft, aber voller Energie. Nächstes Jahr kommen wir wieder. Der Termin ist schon geblockt. Dann setzen wir die Trebnitz-Chorfahrt-Tradition fort. Aber ich freue mich auch schon auf alles Neue – unerwartete Veränderungen, andere Lieder, überraschende Gespräche.

Text/Bild/Video Anna